Eph 5,15-21    18. Sonntag nach Trinitatis     (19.10.2014)

Klaus Eulenberger

Nehmt die Zeit vom Markt!

Zwischen den Zeiten

"Wach auf, der du schläfst,
 und steh auf von den Toten,
 so wird Christus dein Licht sein."

So klar, so hell klingt es in einem Brief, der etwa ein halbes Jahrhundert nach Karfreitag und Ostern entstanden ist, dessen Autor wir nicht kennen und von dem wir nicht wissen, ob er an eine bestimmte Gemeinde gerichtet war oder an viele – in diesem Fall wäre er eine Art Rundschreiben gewesen. Augenscheinlich ist der Brief An die Epheser bestimmt von dem Bemühen, dem, was einmal ganz neu war, jetzt aber schon lange dauert, frische Impulse zu geben, das schwach Gewordene zu stärken, die Schlummernden zu wecken, ja, das Tote zu beleben. Der Brief versucht, Dringlichkeit herzustellen: Es geht um viel, seid nicht nachlässig! „Seht sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt.“ Seid genau, und seid anspruchsvoll, lasst das Leben nicht nur so hingehen.

Zum Ton des Dringlichen passt auch die Aufforderung: „Kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit.“ Es klingt wie: Holt aus der Zeit, aus diesen letzten bösen Tagen, das Beste heraus! Beutet sie wie einen fast schon unergiebig gewordenen Stollen in einem Bergwerk aus! Rettet das Feuer, das unter der Asche verborgen ist! Das wäre dann ein weises Verhalten. Nüchternheit würde dazu gehören, das Prüfen, was der Wille des Herrn ist, und schließlich – seltsam, finde ich – das Singen und Spielen von Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern. Weil ich finde, dass dies alles nicht so sehr gut zusammenpasst, gehe ich zu der Wendung zurück, die von Anfang an meine Aufmerksamkeit besonders erregt hat: Kauft die Zeit aus. Könnte sie noch anderes bedeuten, als was ich zunächst darin gehört habe?

Exagorazómenoi heißt das griechische Wort, das dort steht. Agorá steckt darin, der Begriff für Markt als Versammlungsort und als Platz des Handels, des Kaufens und Verkaufens. Die Vorsilbe Ex heißt: aus, heraus, hinaus. Das ganze Wort bedeutet: loskaufen, freikaufen.[i] Also ist es wohl auf jenen Vorgang bezogen, der einem Sklaven oder einer Sklavin als die wunderbarste aller Erfahrungen vorkommen muss: auf das Erlebnis der Befreiung aus der Sklaverei. Man kann sie als das Urerlebnis von Erlösung bezeichnen. Jemand kommt auf den Sklavenmarkt, bietet einen bestimmten Preis für einen der dort Feilgebotenen, zahlt dem Händler den Betrag und sagt zu dem, der gerade noch Sklave war: Du bist frei. Geh, wohin du willst. Oder – eine Szene aus dem Film „Ben Hur“ – jemand deutet auf einen der Ruderknechte in einer Galeere und befiehlt: Bindet diesen dort los! Das ist der Beginn eines neuen Lebens. – Aber was könnte dieses Wort exagorázein im Blick auf die Zeit bedeuten? Das Wörterbuch schlägt auch die Bedeutung „das Beste machen aus“ vor. Dann könnte man übersetzen: „Macht das Beste aus der Zeit, die euch noch bleibt.“ Aber der eschatologische Sinn der Wendung ist unter den Bedingungen der fortdauernden Zeit nicht leicht zu aktualisieren. Darum beharre ich auf der Frage: Wie soll man Zeit loskaufen oder freikaufen? Ich sehe noch einmal genauer hin: exagorázein bedeutet wörtlich: vom (oder aus dem) Markt nehmen. Ein Kapital, ein Objekt, einen Menschen dort nicht mehr „arbeiten“, nicht mehr Gewinn bringen lassen, sondern sie dem Markt entziehen. Wenn das, was den Markt antreibt, in irgendeinem Sinn „böse“ ist, dann müsste dieses aus ihm herausgenommene Kapital nicht mehr Böses, es könnte nun anderes, was nicht „böse“ ist, es könnte Gutes wirken. „Kauft die Zeit aus, denn es ist böse Zeit“, ließe sich dann nicht im Sinn der Ausbeutung von Zeit, sondern gerade anders herum verstehen: „Nehmt eure Zeit vom Markt, der sie für schlechte Zwecke auspresst, und setzt sie für das Gute ein. Befreit die Zeit, die bleibt, und gebt sie – Gott. Wobei die Wendung „die Zeit, die bleibt“[ii], hier in reizvoller Mehrdeutigkeit oszilliert: Sie kann verstanden werden als die (freie) Zeit jenseits derjenigen, die man für die Erwerbsarbeit aufwenden muss, aber auch als der unbestimmt verbleibende Rest der Lebenszeit – und schließlich als die Spanne, die die gegenwärtige Welt (aión) von der zukünftigen trennt. Dabei wäre dann mitzudenken, dass die kommende der gegenwärtigen ja schon „ein‘ neuen Schein“[iii] gibt.

 Gott freut sich mit allen Kreaturen

Wie soll man sich das vorstellen, dass die Zeit vom Markt genommen und Gott gegeben wird? Ich mache einen Satz über fast anderthalb Jahrtausende, springe vom Brief An die Epheser zu einer Schrift Martin Luthers aus dem Jahr 1522: Vom ehelichen Leben. [iv] Das Wort Zeit erscheint darin gar nicht, wohl aber geht es der Sache nach um gute und böse Tage. Nämlich um das, was den Ehealltag bestimmt, wenn kleine Kinder im Haus sind. Luther zitiert die landläufige Meinung, wenn er schreibt: „Die Welt spricht von der Ehe: kurze Freud und langes Leid“, und dann geht er in die Auseinandersetzung mit dieser Auffassung:

„Wenn die […] natürliche Vernunft […] das eheliche Leben ansiehet, so rümpft sie die Nase und spricht: Ach, sollte ich das Kind wiegen, die Windeln waschen, Betten machen, Gestank riechen, die Nacht wachen, beim Schreien für es sorgen, danach das Weib pflegen, sie ernähren, arbeiten, hier sorgen, da sorgen, hier tun, da tun, das leiden und dies leiden und was denn mehr an Unlust und Mühe der Ehestand lehrt?“[v] Die Stimme, die hier spricht, ist die Stimme der natürlichen Vernunft. So hört es sich an, wenn sich ein Mensch äußert, der sich zu gut ist für derlei Verrichtungen. Der Mensch aber ist – ein Mann. Der „natürliche“ Mann wird erst recht sagen: Was, das alles sollte ich tun? Auch zu Luthers Zeiten war es ja durchaus nicht üblich, dass ein Familienvater die Betten macht und die Windeln wechselt. Aber Luther wendet sich ja an und gegen jene Männer, die die Lust an der Ehe verlieren, weil sie, die Ehe, eben auch beschwerlich ist. Und so treibt er es auf die Spitze und erklärt: Ja, dies alles solltet ihr tun als Hausväter und Ehemänner! – und öffnet, ganz nebenher, noch die Tür in eine Zukunft, die auch heute noch mehr Vorstellung als Wirklichkeit ist.

Nun aber kommt das Argument, das seine eigene Position trägt. Luther fragt: „Was sagt nun aber der christliche Glaube hierzu?“ und antwortet: „Er tut seine Augen auf und sieht alle diese geringen, unangenehmen und verachteten Werke im Geist an und wird gewahr, dass sie alle mit göttlichem Wohlgefallen wie mit kostbarstem Gold geziert sind, und spricht: Ach Gott, weil ich gewiss bin, dass du mich als einen Mann geschaffen und von meinem Leib das Kind gezeugt hast, so weiß ich auch gewiss, dass dir’s aufs allerbeste gefällt, und bekenne dir, dass ich nicht würdig bin, das Kindlein zu wiegen, seine Windeln zu waschen und für seine Mutter zu sorgen.[vi]

Wenn nun aber andere über diesen Mann lachen und ihn für einen „Maulaffen“ und „Frauenmann“ halten? Dann, so Luther, denkt Gott sich seinen Teil dabei. Nämlich:

 "Gott lacht und freut sich mit allen Engeln und Kreaturen, nicht darüber, dass der Mann die Windeln wäscht, sondern darüber, dass er's im Glauben tut. Jener Spötter aber, die nur das Werk sehen und den Glauben nicht sehen, spottet Gott als der größten Narren auf Erden. Ja, sie spotten nur sich selbst und sind des Teufels Maulaffen mit ihrer Klugheit."[vii]

Zeit verlieren, um Zeit zu gewinnen

Das Ganze ist ein Lehrstück darüber, wie man sorgfältig darauf achtet, das Leben zu führen. Luther dreht die Maßstäbe geradezu um, wenn er die, die sich für klug halten, zu den größten Narren auf Erden erklärt. Mit den Augen Gottes gesehen sind nicht die Spötter im Recht, sondern die Verspotteten. Jene Männer also, die das Kindlein wiegen, seine Windeln waschen und für seine Mutter sorgen. An ihnen freut sich Gott mit allen Engeln und Kreaturen – aber nicht, weil sie dies tun, sondern weil sie es im Glauben tun. In jenem Glauben, der die Dinge in einem anderen Licht sieht, als die natürliche Vernunft es tut. Auf einmal also wird das Verachtete und scheinbar Verächtliche das Besondere, das Bedeutungsvolle, das hoch Geachtete. Wer es so sieht, ist – wie der Brief An die Epheser es sagen würde – vom Geist erfüllt. Und auf einmal sieht eben alles ganz anders aus. Der Blick der natürlichen Vernunft sieht das „Falsche“, der Blick des Glaubens erkennt, was vor Gott das Richtige, das Wahre ist. Hier ist begriffen, „was der Wille des Herrn ist“, wie der Brief es sagt. Luthers Exempel zeigt aber auch, wie schwer es ist, ihn auszumachen und in Lebenspraxis umzusetzen. In diesem Zusammenhang erscheint V. 21 mit dem harten Wort von der Unterordnung nicht mehr so sehr als ein schwach begründeter Zusatz zur Perikope denn vielmehr als sachdienlicher Hinweis auf die Größe der Aufgabe.

Der französische Aufklärer Jean-Jacques Rousseau befand sich auf einer ähnlichen Spur, als er schrieb: „Wenn man Kinder zu erziehen hat, muss man verstehen, Zeit zu verlieren, um Zeit zu gewinnen.“[viii] Nichts geht hier nach der Maxime: Eingesparte Zeit ist gewonnene Zeit. So viel Zeit, die verloren scheint, weil man ja in ihr nicht „produktiv“ sein konnte, erweist sich eines Tages, viel später, als gewonnene Zeit, geschenktes Leben, zuteil gewordener Sinn.

 Meine Zeit steht in deinen Händen

Nach dem Sprung über anderthalb Jahrtausende noch einmal zurück an den Ausgangsort, zu jenen sieben Versen aus dem Brief An die Epheser. Dass es sich nicht empfiehlt, sich mit Wein abzufüllen, dass es dagegen viel besser ist, sich erfüllen zu lassen vom Geist, das nehmen wir in dieser merkwürdigen Gegenüberstellung eher im Vorübergehen zur Kenntnis. Dann aber finden wir uns in einer von Klang erfüllten Wirklichkeit, ja in der Welt als Klang: „Lasst in eurer Mitte Psalmen ertönen, Hymnen und geistliche Lieder, singt und musiziert dem Herrn aus vollem Herzen – und dankt unserem Gott und Vater allezeit […]“. Ist das alles eine etwas unsortierte Aufzählung, könnte ebenso gut auch anderes dastehen? Vielleicht. Ich versuche, den inneren Zusammenhang zu verstehen. Nehmt die Zeit vom Markt, so hieß es am Anfang, nehmt sie aus dem Kreislauf der Vermehrung von Kapital heraus, gebt sie dem zurück, aus dem sie hervorgeht: Gott. Was aber ist Zeit, die Gott zurückgegeben wird? Gottes Zeit, so denke ich, ist am ehesten jene Zeit, die der Absichtslosigkeit (oder, mit einem wenig schönen, aber präzisen Wort: der Unverzwecktheit) hingegeben ist. Zeit des Singens, des Musizierens, des Rezitierens könnte gerade dafür stehen. Zeit, in der Gott gelobt wird, in der Menschen etwas in das Ohr Gottes raunen, flüstern, vielleicht auch schreien. Verspielte Zeit auch, die nichts will: nichts erreichen, nichts vermehren, nichts gewinnen. Ob gesungen, ob musiziert, rezitiert, gebetet, meditiert, getanzt wird: Für die agorá, den Markt, ist das alles ohne Bedeutung – wie es ohne Bedeutung für ihn ist, was Menschen tun, wenn sie Gottesdienst feiern.

Das Beten hat keinen Einfluss auf die Börsenkurse, und das Singen aus vollem Herzen erbaut Seele und Leib, aber es baut keine Häuser. Vom Geist erfüllte Zeit, das ist: verspielte Zeit. Zeit für das Spiel, das ewige, zwischen Gott und Menschen, zwischen den Kreaturen und dem, der sie geschaffen hat. Und in diesem Sinn könnte man dann die Wendung, die in den deutschen Übersetzungen mit Kauft die Zeit aus! wiedergegeben ist, auch so in unsere Sprache bringen: Holt euch die Zeit zurück, die ihr in den Verwertungskreislauf gegeben habt, macht Gottes Zeit wieder zu eurer Lebenszeit!

Nun ist ja das Singen und das Musizieren nicht jedermanns Sache, wie man weiß, und ich möchte nicht unterstellen, dass nur jene, die singen und spielen, Zugang zum Leben als Spiel haben. Vielleicht war der Verfasser des Briefes An die Epheser zu sehr auf die Musik fixiert, als dass er auch den anderen, den nicht Musikalischen, einen Hinweis auf das ihnen Mögliche hätte geben können. Wenn aber für alle Menschen gelten soll, dass die wichtigste Zeit jene ist, die dem Markt entzogen wird, dann kommen wir an einen entscheidenden Punkt jeder Auslegung: Sie ist in ihren Vorstellungen begrenzt, sie kann nie alles sagen. Anders gewendet: Sie vollendet sich erst im Bewusstsein, in der Vorstellungskraft der Hörenden. Der Prediger ist nicht allmächtig, er verfügt nicht über die Wahrheit, und seine Arbeit ist nur halb getan, wenn andere sie nicht „fertig machen“. Was also würden die Hörerinnen und Hörer, wenn sie nicht Psalmen und Lobgesänge und geistliche Lieder singen wollen oder können, an diese Stelle setzen?[ix]

Konkretionen vor Ort

Unter denen, die eine Predigt über Eph 5 hören, denke ich mir Paare mit kleinen oder mit heranwachsenden Kindern ebenso wie alt werdende und alte Menschen. Die einen sind einer unendlichen Fülle von Ansprüchen ausgesetzt, die anderen haben das strapaziöse Wechselspiel von Anforderung und Leistung im Wesentlichen hinter sich. Sie alle wissen – aus unterschiedlichen Gründen -, dass das Leben nicht gelingt, wenn es ausschließlich als Ausbeutung der Zeit verstanden wird. Und das wissen auch diejenigen, die täglich sprungbereit auf höchste Anforderungen reagieren müssen, weil ihre berufliche Verantwortung es verlangt. Für alle diese Verschiedenen enthält der Briefabschnitt ein jeweils verschieden klingendes Evangelium. Für jene, die ihre Lebensarbeit hinter sich haben, würde ich es vielleicht so formulieren: Ihr müsst nichts mehr, aber ihr könnt vieles, und dieses Viele wird fehlen, wenn ihr es nicht einbringt ins Spiel des Lebens. Was könnte es sein? Deutsch für Ausländer. Den Enkeln jene Bücher vorlesen, jene Geschichten erzählen, die bei ihnen zuhause nicht vorkommen. Mitarbeit in einer Kleiderkammer, einem Restaurant für Arme, einer Geschichtswerkstatt. Engagement als Kirchenführerin, beim Einrichten und Unterhalten eines Museums, in dem Geräte und Maschinen früherer Zeiten präsentiert, längst vergangene Produktionsweisen vorgeführt werden. Manchmal einen Tag Zeit verschenken …

Auf dieser Spur lässt sich weiterdenken. Predigende Menschen kennen sich meist in „ihren“ Gemeinden gut aus. Sie können das hier Angedachte konkretisieren und anregend von den lokalen Möglichkeiten erzählen, durch deren Wahrnehmung sich die aus dem Produktionskreislauf genommene Zeit füllen lässt zum Segen für andere – und für die Angesprochenen selbst. Nehmt die Zeit dem Markt weg, der sie verschlingt, gebt sie Gott, aus dessen Händen ihr sie empfangt, und Gott wird sie euch und anderen zur Lebens-Zeit werden lassen. Denn: Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit.[x]

Pfr. Klaus Eulenberger
Gut Daudieck 2, 21640 Horneburg
k.eulenberger@bnew.de

[i] Vgl. Nestle-Aland, Novum Testamentum Graece mit Wörterbuch, 27. revidierte Auflage, erweiterter Druck 2001, 65.

[ii] Vgl. Giorgio Agamben, Die Zeit, die bleibt. Ein Kommentar zum Römerbrief, SV 2453, Frankfurt 2006.

[iii] EG 23,4.

[iv] Martin Luther, Ausgewählte Schriften, hg. von Karin Bornkamm und Gerhard Ebeling, Frankfurt/M. 21983, Dritter Band, 165-199.

[v] AaO., 188f.

[vi] FUSSNOTE: AaO., 189f.

[vii] AaO., 190f.

[viii] Jean-Jacques Rousseau, Emile oder Über die Erziehung, I,2.

[ix] Im Gottesdienst singen ließen sich immerhin: EG 494,1-4 (In Gottes Namen fang ich an), 386,1-2 (Eins ist not! Ach, Herr, dies Eine), 64,2-6 (aus: Der du die Zeit in Händen hast).

[x] Johann Sebastian Bach, Kantate BWV 106 („Actus tragicus“).

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Apk 15, 2-4   Kantate  (18.5.2014)

Andrea Bieler

Singen in apokalyptischer Manier

 Wie im Traum

Der für den Sonntag Kantate vorgeschlagene Predigttext gleicht einer Traumszene, in die man schlaftrunken hinabgleiten kann, bis alles schwarz und dann wieder heller wird. Vielleicht etwa so:

Alles ist vom Sonnenlicht durchdrungen, changierendes Blau ergießt sich im Raum. Eine Gruppe von Menschen versammelt sich am Ufer eines besonderen Meeres. Es ist ein gläsernes Meer, durchsichtig und klar ist sein Wasser. Dieses Meer hat die Gegensätze des Kosmos überwunden. Dieses Meer birgt Feuer in sich, und das Feuer erlischt nicht. Wasser und Feuer existieren Seit an Seit. Das Feuer wird nicht vom Wasser erstickt. Dieses Meer breitet sich vor dem Thron Gottes aus; es funkelt wie ein Kristall in lebendigen, wechselnden Farben, die sich im Licht brechen.[i] Die Menschen am Ufer stelle ich mir so vor: sie wirken erschöpft, abgekämpft, manche tragen abgerissene Kleidung, einige haben Schatten unter den Augen von zu vielen durchwachten Nächten. Und zugleich sehen viele unheimlich glücklich aus; ihre Gesichter haben entspannte Züge, in ihren Augen funkelt es. Sie stehen dicht beieinander, manche halten sich an den Händen, manche stehen ganz aufrecht da. Eine Harfe wird angestimmt, der Klang der Harfe durchdringt den Raum. Sphärische, nachhallende Klänge schweben durch die Luft. Wenn die Saiten der Harfen angeschlagen werden, entstehen zarte Töne, die ephemeren Charakter haben; ein filigraner Klangteppich entfaltet sich.

Die Gruppe stimmt ein Lied an. Sie singen ein Lied von der Schönheit Gottes: von seiner Macht und Heiligkeit. Ein Lied von Gottes Gerechtigkeit und Treue:
`Groß und wunderbar sind deine Werke,
 HERR allmächtiger Gott.
 Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege,
 du König der Völker.`

Große, starke Worte, getragen von sanften Tönen. Worte, die aus der Tiefe auftauchen und den Klang der Geschichte mit sich tragen. Unzählige Male von Menschen gebetet und gesungen durchdringen sie den Kosmos und hallen nach. Ein großes Echo des Lobpreises. Und jetzt, in diesem Augenblick, wird das Lied wieder angestimmt …

Die enigmatischen Visionen der Johannesapokalypse muten wie Szenen aus einem Traum an, wie auftauchende Bilder, die aneinandergereiht werden und einen überbordenden Imaginationsprozess in Gang setzen. Manche dieser Traumbilder sind so schön, dass sie zum Verweilen einladen. So wie der Predigttext für den Sonntag Kantate, der von den Harfen Gottes und von diesem geheimnisvollen Chor am Meer erzählt.

In der Apokalypse des Johannes gibt es aber auch Visionen, die so furchterregend sind, dass die Phantasien, die sich in ihnen austoben, einem die Sprache verschlagen lassen. Sie sind wie Alpträume, die uns nassgeschwitzt zurücklassen. Derlei Alpträume hinterlassen Stimmungen, z. B. ein Gefühl der Furcht und der Beunruhigung, die in den lichten Tag hineinwachsen.

Visionen sind Träumen ähnlich, der Seher hat sie sich nicht ausgesucht, er kann sie nicht kontrollieren. Sie sind eine Heimsuchung. Staccatoartig werden diese Heimsuchungen durch den Satz „Und ich sah …“ in Szene gesetzt. Sehen als Widerfahrnis. Ein Sehen, das Gott-begabt ist. Und was Johannes sieht, wirkt verrückt, surreal, und ist doch zugleich messerscharf in der Wahrnehmung. Johannes ist ganz nah dran an der Bedrängnis der Menschen, an den Ängsten und Bedrohungen, die sie durchleben müssen. Verfolgte Christinnen und Christen stehen ihm vor Augen, die den Kampf mit dem alles verschlingenden Tier aufgenommen und nicht klein beigegeben haben.

In der exegetischen Literatur ist der historische Kontext nicht vollständig geklärt. Die Frühdatierung der Apokalypse nimmt als Entstehungszeit das Ende der Herrschaft des römischen Kaisers Nero an, in der Spätdatierung kommt die Regierungszeit Domitians in den Blick.

Überwinder, Siegerinnen, Entronnene, die ihren Blick auf Christus ausrichten, zu ihm gehören, mitten in den alles umschlingenden Machtansprüchen des römischen Imperiums, das sie andauernd vor die Alternative stellt: Cäsar oder Christus.

Mitten in diesem Tumult stimmen sie dieses Lied an, schmiegen sich ein in die Worte der Vorväter und -mütter, singen die Psalmen; sie singen das Lied von der Befreiung, das Lied des Mose. Sie singen das Lied des Lammes, das Lied Christi, auch ein Lied der Befreiung. Der Chor der Entronnenen wird laut. Im Singen beten die Menschen eine andere Welt herbei, die schon durchschimmert; sie singen eine zarte Melodie, aber mit Bestimmtheit. Mitten in dieser überbordenden Gewalterfahrung singen sie das Lied von der Heiligkeit Gottes.

 Ort und Motivik des Klangbildes

Der Predigttext im Kontext des Sonntags Kantate unterstreicht die Kraft der Synästhesie: Das Sehen inspiriert das Hören. Diese Bilder und Töne sind in einen fragilen Zusammenhang eingebettet: In Apk 15, 1 treten bereits die sieben Gerichtsengel auf den Plan, die mit den letzten sieben Plagen in Verbindung gebracht werden. Sie werden die sieben Schalen des göttlichen Zornes über all diejenigen ausgießen, die dem Tier gefolgt sind. Der göttliche Zorn, der sich so ausbreitet, hinterlässt schlimme Geschwüre bei denen, die das Zeichen des Tieres hatten (16, 2); er verwandelt sich in Blut, das alles Lebendige im Meer erstickt (16, 3); er wird zu Feuer, das zu einer versengenden Hitze wird (16, 9). Die Gerichtsdynamik kulminiert in der Zerstörung der Stadt Babylon (16, 17-21).

Das Lied, das im Predigttext für Kantate gesungen wird, erklingt also kurz vor dem großen Gerichtsspektakel. Es ist wie ein Atemholen, wie die Ruhe vor dem Sturm. Unser Text beschreibt in prophetischer Weise den Ort der Rettung, für diejenigen, die Christus anhängen. Es ist ein utopisches Lied, weil es auf einen Ort verweist, an dem nicht mehr die Schreckensbotschaften dominieren, sondern der Lobgesang der Heiligkeit Gottes den Raum erfüllt. Die Kraft des Klangbildes soll jedoch die Lesenden trösten und anfeuern, schon jetzt mit Gottvertrauen und Zuversicht in das Lied mit einzustimmen.

Das Lied wird nicht etwa von den himmlischen Heerscharen angestimmt, die dem Weltgeschehen schon entrückt sind, sondern von den Überwindern, von denjenigen, die den Sieg über das Tier behalten hatten. Das Tier und sein Bild verweisen vermutlich auf den Kaiserkult. „Die singuläre Redeweise: `siegen aus` mag die Separation der Überwinder von der gottfeindlichen, sie zum Staatskult drängenden Welt betonen wollen, hebt jedenfalls ihre radikale Freiheit zu Gott hervor. Sie gehören, wie die vier `Wesen`, die 24 Ältesten (5, 8), zur himmlischen Kapelle (14, 2), zu denen, die Gott ewig feiern, wie sie ihm schon in dem Kampf des Lebens dienten.“[ii] Hier singen also Menschen, die ganz und gar in die Konflikte ihrer Zeit involviert waren und risikoreich gelebt haben. Es sind Entronnene, Menschen, die darüber staunen, dass sie noch einmal davongekommen sind.[iii] Sie spielen die Harfen Gottes. Es ist nicht der ganze Reigen an Instrumenten, also Harfen, Lauten, Pauken und Trompeten, die sonst den Lobpreis Gottes kräftig und volltönend begleiten (vgl. z. B. Ps 98, 5-6), sondern allein die Harfe wird genannt. Die Harfe ist ein Saiteninstrument, das zur Begleitung von Gesang verwendet wurde und beim Tempeldienst eingesetzt wurde (1Sam 10, 5; 1Kön 10, 12; 1Chr 13, 8). Die Harfe zeichnet sich durch ihre sanften und beruhigenden Klänge aus. Die Harfe ist kein Instrument, mit dem man in den Krieg zieht. In der Johannesoffenbarung ist es das Instrument, das am Thron Gottes gespielt wird. Harfenspiel begleitet das neue Lied, das vor dem Thron Gottes erklingen soll (14, 2).

Das Lied, das von der Harfe begleitet wird, wird als Lied des Mose charakterisiert und verweist mit Ex 15, 1ff. auf den Lobgesang, den Mose im Anschluss an die Rettungserfahrung beim Durchzug durch das Schilfmeer anstimmt. Es ist ein Loblied auf den befreienden Gott. Dieses Lied wird zugleich als Lied des Lammes bezeichnet, welches auf die Befreiung verweist, die in Christus beschlossen ist. Im Bild des Lammes wird die Christusgeschichte auch auf die Passah- und Exodustradition bezogen.

In der Motivik des rettenden und befreienden Gottes sind beide Liedüberschriften miteinander verwoben.

Das Lied selbst (V. 3b) stellt ein Gewebe aus alttestamentlichen Motiven dar. So wird die wunderbare Größe der Werke Gottes besungen (vgl. Ps. 98, 1; 112, 2; 139, 14), wie zuverlässig seine Wege sind (vgl. Ps 145, 17, Ex 34, 10, Dtn 32, 4), er wird als Pantokrator (Am 4, 13; 9, 5, Hos 12, 5) und als König der Völker besungen (Jer 10, 7; Hos 9, 4).

Der Hymnus schließt, indem der Ausblick weit geöffnet wird. V. 4 ermöglicht auch den Völkern eine hoffnungsvolle Perspektive, das Gericht ist am Ende heilbringend, weil es in der Anerkennung der Heiligkeit Gottes und in der Anbetung durch die Völker kulminiert. In den rhetorischen Fragen klingt Jer 10, 7 an.

Dieses Lied ist aus vielen biblischen Versatzstücken kunstvoll zusammengewebt: „Im ersten Teil werden zweimal Aussagen über Gottes Handeln gemacht, über seine Taten und seine Wege, jeweils gefolgt von einer Anrede. Der mittlere Teil besteht aus einer rhetorischen Frage im parallelismus membrorum. Den Schluss bilden drei mit GRIECHISCH (hóti – `denn`) eingeleitete Begründungssätze, von denen der zweite wiederum im parallelismus membrorum formuliert ist.“[iv]

 Singen in apokalyptischer Manier

Ein Szenenwechsel: In den späten achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts versammelt sich in der Eurekastreet 150 in San Francisco jeden Sonntagabend die Gemeinde der Metropolitan Community Church zum Gottesdienst. Der erste Höhepunkt der Aids-Epidemie ist fast erreicht. Es ist die Zeit, bevor die ersten antiviralen Medikamente auf den Markt kommen. Noch gleicht die Diagnose `HIV-positiv` einem Todesurteil. Bis in die Mitte der neunziger Jahre werden ca. 600 Menschen, die dieser Gemeinde verbunden waren, an Krankheiten sterben, die mit der Immunschwäche assoziiert sind. Es ist die Zeit, in der fundamentalistische Christen und Christinnen die Apokalypse für sich in Anspruch nehmen. In der Epidemie sehen sie das Gericht Gottes am Werke, insbesondere über Menschen, die eine vermeintlich gottwidrige Sexualität leben. Es ist die Zeit, in der das Wort `Schwulenseuche` geprägt wird.

In jenen Jahren wird in der Gemeinde in der Eurekastreet 150 ein bestimmtes Lied immer wieder gesungen. Text und Komposition stammen von dem damaligen Kirchenmusiker der Gemeinde, Jack Hoggatt, St. John.

"We are the Church Alive,
 Christ's presence on this earth
 We give God's Spirit body in
 The act of our new birth.
 As yielded open channels
 For God's descending dove,
 We shout and sing, With joy we bring
 God's all-inclusive love.
 (...)
 We are the Church Alive,
 The body must be healed;
 Where strife has bruised and battered us,
 God's wholeness is revealed.
 Our mission is an urgent one;
 In strength and health let's stand,
 So that our witness to God's light
 Will shine through every land.
 We are the Church Alive,
 All praise to God on high!
 Creator, Savior, Comforter!
 We laud and magnify
 Your name, almighty God of love;
 Pray give us life, that we
 May be your church, the Church Alive,
 For all eternity."[v]

Eine der damaligen Pfarrerinnen, Kittredge Cherry, erinnert sich an den vollen Gemeindegesang, wenn dieses Lied ertönt: tiefe Männerstimmen, Tenöre und Bässe durchtönen kraftvoll den Raum – soulful singing – ex profundis. Aus der Tiefe taucht ein machtvoller Klangkörper auf. Unterbrochen wird das runde, tiefe Klingen der Stimmen durch das ständige Husten vieler Einzelner. Das Husten unterbricht das kraftvolle Tönen, es zerstört es aber nicht. Durch die Unterbrechung wird das kraftvolle Tönen zarter, die erfahrene Fragilität drückt sich darin aus. Es ist wie eine weitere Melodie, die als Kakophonie darüber gelegt ist, staccatoartig in manchmal abgehackten, dissonanten Lauten. Das Husten gehört dazu, ist hier Teil des Ganzen, und wird nicht peinlich unterdrückt. So wird das Leib-Eigene zum Teil des Ganzen. Hier wird dem Tod direkt ins Gesicht gesungen; hier erklingen Lieder, die von Heil und Heilung, von Freude und Gottvertrauen inmitten einer überwältigenden Tragödie erzählen. Hier wird in apokalyptischer Manier gesungen. So wird auch gegen den Missbrauch apokalyptischer Texte protestiert. Inmitten der Todesangst, der politischen Kämpfe um angemessene Gesundheitsversorgung und gegen den sozialen Ausschluss, der auf der Tagesordnung steht, ertönt das Gotteslob: `Gelobt sei Gott in der Höhe!`

Im Singen gewinnt die Utopie von der Kirche als Ort der Rettung, als Schutzraum eine Gestalt, in dem die Verletzten Zeugnis vom Licht ablegen können, das sie umfängt.

Die Kirche in der Gestalt der Gemeinde in der Eurekastreet 150 ist der Ort, in dem die Erfahrung verletzlicher Leiblichkeit im gemeinsamen Singen und Beten in einen apokalyptischen Horizont eingefasst ist. Hier sprechen die Menschen in enthüllender, aufdeckender Weise von den Mächten, die sie bedrängen; hier wird auch der überwältigenden Todeserfahrung Raum gegeben, die die Singenden zu überschwemmen droht. Inmitten dieser Erfahrungen wird der Klage Raum gegeben, aber eben auch dem Lobpreis Gottes, der zur Rettung herbei eilt und der am Ende nichts und niemanden fallen lassen wird. Diese Art des Lobpreises und das damit verbundene Singen wurde zum Überlebensmittel.

 Kantate – Singet!

Der diesjährige Sonntag Kantate lädt ein, ähnliche Geschichten zu erzählen, in denen Christinnen und Christen in apokalyptischer Manier singen. Paul Gerhardts Lyrik kann meines Erachtens in der Spur apokalyptischen Singens interpretiert werden. Gerhardt, der tiefgreifende Erfahrungen von Tod und Zerstörung während des Dreißigjährigen Krieges machen musste, hat uns ein Werk hinterlassen, in dem das Danken, der Lobpreis des Schöpfers und die Meditation des Todes und der Auferstehung Christi in tröstender Weise zu einem Überlebensmittel werden. Nun danket alle Gott (EG 322), Ich singe dir mit Herz und Mund (EG 324), Sollt ich meinem Gott nicht singen? (EG 325) sind Lieder, die den beschriebenen Horizont aufreißen und an diesem Sonntag ihren Platz haben.

Zum Abschluss noch eine andere Szene über die Kraft des Singens, die der Erfahrung des Todes trotzt.

Der bulgarische Schriftsteller jüdischer Herkunft Elias Canetti erzählt in seinem Roman `Die gerettete Zunge`, wie er von seiner Erzieherin, Miss Bray, das Singen lernte: „… sie war ein anderer Mensch, wenn sie sang, nicht mehr dünn und spitz, ihre Begeisterung teilte sie uns Kindern mit. Wir sangen aus Leibeskräften, auch der Kleinste, der zweijährige George krähte mit. Es war besonders ein Lied, von dem wir nie genug bekamen. Es war über das himmlische Jerusalem. Miss Bray hatte uns davon überzeugt, daß unser Vater jetzt im himmlischen Jerusalem sei und wenn wir das Lied richtig singen, werde er unsere Stimme erkennen und sich über uns freuen. Es gab eine wunderbare Zeile darin: `Jerusalem, Jerusalem, hark how the angels sing!` und wenn wir an diese Zeile kamen, glaubte ich meinen Vater dort zu sehen, und dann sang ich mit solcher Glut, daß ich zu zerbersten meinte.“[vi]

Dr. Andrea Bieler
Missionsstraße 13, 42285 Wuppertal
andrea.bieler@kiho-wuppertal-bethel.de

 

[i]Die Vorstellung vom Himmelsozean (vgl. Ps. 137, 4) verbindet sich wie in Apk 4, 6 mit der Vision vom Thron Gottes. Vor dem Thron war es wie ein gläsernes Meer, einem Kristall gleich. Dieses Vorstellung verweist eventuell auf die äußerste, kristallene Sphärenschale, die sich entsprechend der damals wirksamen Kosmologie über die Erde spannt. Der Seher Johannes bietet hier keine weiteren Beschreibungen. Vgl. zum Motiv des gläsernen Meeres Holger Forssman, Offb. 15, 2-4, Kantate, 20.4.2008, Singt dem HERRN das alte Lied von neuem!, in: GPM 62 (2007/2008), 228-233, 230f.

[ii]Traugott Holtz, Die Offenbarung des Johannes, Das Neue Testament Deutsch, Neubearbeitung, Bd. 11, Göttingen 2008, 108.

[iii]So charakterisiert Klaus Wengst die Gruppe, die das Lied anstimmt, in: ders. `Wie lange noch?` Schreien nach Recht und Gerechtigkeit – eine Deutung der Apokalypse des Johannes, Stuttgart 2010, 263.

[iv]Ebd.

[v]Vgl. zum Folgenden ausführlicher Andrea Bieler, Dem Tod ins Gesicht singen. Eschatologische Imagination und Gemeindegesang, in: Musik in Religion – Religion in Musik, hg. von Marion Keuchen, Helga Kuhlmann und Martin Leutzsch, Jena 2013, 41-48.

[vi]Elias Canetti, Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend, Frankfurt a. M. 1994.

Gen 8, 1-12  4. Sonntag nach Epiphanias (2.2.2014)

Ruth Poser

Zur Ruhe kommen angesichts der

Flut von Gewalt

Eine Anti-Angstgeschichte?

Fluterzählungen wie diejenige, die in Gen 6-9 überliefert ist, sind, so ist oft zu lesen, Allgemeingut vieler Kulturen. Exegeten und Exegetinnen gelten sie als Anti-Angst-Geschichten, denen gemeinsam ist, „dass ihr Thema und ihr Anliegen eigentlich nicht die Sintflut als Vernichtungsgeschehen ist, sondern dass sie erzählen, dass in bzw. aus der Flut ein Menschenpaar mitsamt vielen/allen Tierarten gerettet wird und dass nach der Flut das Leben auf der Erde (neu) weitergeht“[i]. Erich Zenger beschreibt die biblische Fluterzählung als regelrechte „`Schöpfungsgeschichte`, an deren Ende die Welt dann so ist, wie sie erfahren wird: als eine vielfältig bedrohte, aber gleichwohl von Gott gehaltene und geliebte Welt.“[ii]

Inwiefern die Fluterzählung und deren theologische Grundstruktur den jeweiligen Predigthörenden (noch) vertraut sind, wird jede Predigerin und jeder Prediger selbst ermessen; auf der Grundlage des liturgischen Kalenders jedenfalls bietet sich die Gelegenheit, über die Fluterzählung zu predigen, relativ selten – neben dem für den (in vielen Kirchenjahren nicht vorkommenden) 4. Sonntag nach Epiphanias in Reihe VI vorgeschlagenen Textabschnitt Gen 8, 1-12 gehört nur noch Gen 8, 18-22 zu den vorgesehenen Predigttexten (20. Sonntag nach Trinitatis, Reihe III).

Ich konzentriere mich im Folgenden auf einige m. E. bislang noch wenig ins Wort gebrachte Aspekte der Predigtperikope und verknüpfe sie – gleichsam experimentell – mit einem auf den ersten Blick nicht ganz nahe liegenden, bei näherem Hinsehen aber doch sehr zu Leibe rückenden aktuellen Kontext. Dabei betrachte ich „die Flut“ nicht als etwas immer schon hinter uns Liegendes, sondern gehe – wie sich zeigen wird, mit guten Gründen – davon aus, dass es der Fluterzählung auch um die (theologische) Auseinandersetzung mit je und je gegenwärtigen Katastrophen und Gewalterfahrungen zu tun ist.

Als weitere (liturgische) Texte zu den von mir gewählten Auslegungsschwerpunkten bieten sich Ps 23 (vgl. v. a. V. 2: „Wasser der Ruhe“ [BigS]; V. 4: nacham; V. 5: „Mit Öl salbst du mein Haupt“ [BigS]), Ps 116 (vgl. v. a. V. 7-9) und Jes 51, 9-16 (Flut-/Wassermetaphorik; V. 12: nacham) an. Als Lieder erscheinen mir „Befiehl du deine Wege“ (EG 361, vor allem die hinteren Strophen) und „Freunde, dass der Mandelzweig“ (EG 613) denkbar.[iii]

Noach – Retter der Schöpfungsruhe

Die Predigtperikope beginnt mit einem großen Wort, das hier zum ersten Mal in der Bibel vorkommt: wajiskor – „Da gedachte Gott an Noach …“ (8, 1). Solches Gedenken steht nicht im Gegensatz zu einem etwaigen vorhergehenden Vergessen, es signalisiert vielmehr den Wendepunkt in einem bestimmten Geschehen. Nicht selten zielt wajiskor auf eine Wende, ein Umdenken oder „Umfühlen“, in Gott selbst, der sich „den Seinen“ (wieder) helfend und rettend zuwendet (vgl. z. B. Gen 30, 22; Ex 2, 24). Gen 8 lässt Gottes Gedenken in ein lebensförderliches, (neu-) schöpferisches Tun einmünden: Gott führt einen Wind über die Erde (vgl. Gen 1, 2), und die vernichtenden Flutwasser gehen zurück. Dass Gen 8, 1 den Wendepunkt der Fluterzählung markiert, kommt auch darin zum Ausdruck, dass die sich anschließende Schilderung der kontinuierlichen Abnahme der Wassermassen (8, 2f.5 [vgl. 8, 11]) derjenigen der sukzessiven Zunahme der Flut (7, 11f.17-20) ziemlich genau entspricht.[iv] Anders als ihr Zurückgehen wurde das Kommen der Flut dabei nicht als Tun Gottes ausgesagt – die vernichtenden Wasser wurden Gott wohl in den Mund (vgl. 6, 7.13.17; 7, 4), nicht aber in die Hand gelegt!

Am 17. Tag des 7. Monats – nach knapp 150 Tagen wilden Umhergetriebenwerdens – kommt Noachs „Überlebenskasten“ endlich zum Stillstand, „findet Ruhe“ (nuch) auf den geo-historisch nicht zu identifizierenden „Bergen Ararats“ (8, 4). Die hier verwendete hebräische Wurzel nuch ist diejenige, von der – höchstwahrscheinlich – der Name Noach (noach) etymologisch herzuleiten ist. Sie kommt in Gen 8, 9 und 8, 21 zwei weitere Male vor und verbindet sich mit dem, was man als von Noach verkörperte Schabbat-Chronologie oder Schabbat-Theologie der Fluterzählung bezeichnen könnte. Was damit gemeint ist, soll im Folgenden genauer erläutert werden.

Chronologische Angaben spielen nicht nur in der Fluterzählung als Ganzer eine herausragende Rolle – schon der Ausschnitt Gen 8, 1-12 ist voll von ihnen (und vermag Lesende und Hörende zeitlich zu verwirren). Von folgenden Tempusmarkern wird der in Frage stehende Erzählabschnitt geprägt:

7, 11:  Hervorbrechen der Flut am 17.2. im 600. Jahr Noachs
7, 24:  Ansteigen der Wasser 150 Tage lang
8, 3:   Abnehmen der Wasser nach 150 Tagen
8, 4:   Zur-Ruhe-Kommen des Kastens am 17.7.
8, 5:   Abnehmen der Wasser bis zum 10. Monat
        Sichtbarwerden der Bergspitzen am 1.10.
8, 6f.: Öffnung des Fensters nach 40 Tagen und Aussendung des Raben
8, 8:   Aussendung der Taube (nach 7 Tagen)[v]
8,10:   Erneute Aussendung der Taube nach 7 Tagen
8,11:   Rückkehr der Taube um die Abendzeit
8,12:   Erneute Aussendung der Taube nach 7 Tagen
8,13:   Wegtrocknen der Wasser von der Erde bis zum 1.1.601
8,14:   Trocken-Sein der Erde am 27.2.

Wo die Zeitangaben einander widersprechen, wird dies in aller Regel mit dem Zusammenfügen zweier Erzählfäden, einem älteren nicht-priesterlichen und einem jüngeren priesterlichen (P), erklärt. Während der nicht-priesterliche Erzählfaden von einer 40 Tage und Nächte währenden Regenkatastrophe ausgeht und vorrangig mit den Zahlen 40 und 7 arbeitet,[vi] dauert die gigantische Wasserflut dem priesterlichen Erzählfaden zufolge ein ganzes Jahr, wobei alle Zeitangaben am Leben(salter) Noachs orientiert werden.[vii] Doch scheinen im priesterlichen Erzählfaden selbst noch einmal zwei ursprünglich selbstständige Chronologien zusammengewachsen zu sein – eine an das 354 Tage lange Mondjahr gebundene, deren Eckdaten sich in Gen 7, 5 (600. Lebensjahr Noachs) und 8, 13 (1.1.601) finden, und eine mit dem 365 Tage langen Sonnenjahr verknüpfte, deren Eckpunkte in Gen 7, 11 (17.2.600) und 8, 14 (27.2.601) vorliegen. Während die Mondjahrchronologie als Präfiguration des israelitischen Neujahrfestes gedeutet werden kann – der „Tag, an dem die Wasser von der Erde geschwunden sind, der Tag des Endes der Flut, wird zum Neujahrstag“[viii], zum Beginn einer neuen Weltzeit –, nimmt die Sonnenjahrchronologie die 7-Tage Struktur des nicht-priesterlichen Erzählfadens (vgl. 7, 4.10; 8, 8.10.12) auf und baut sie zu einer regelrechten Schabbat-Chronologie aus. Geht man nämlich mit der Erzählung davon aus, dass der 17.2.600 ein Schabbat war (7, 10f.), dann geschieht nicht nur das Zur-Ruhe-Kommen des Kastens (8, 4) an einem Schabbat (der 17.7. ist der Schabbat der 21. Woche nach dem 17.2.), sondern dann liegt auch das absolute Enddatum der Flut, der Tag, an dem die Erde völlig abgetrocknet ist (8, 14), an einem Schabbat (der 27.2. des Folgejahrs ist der Schabbat der 52. Woche nach dem 17.2.).

 "So wie am Schöpfungssabbat Himmel und Erde vollendet 
wurden (Gen 2, 1f.), so ist die Erde am letzten Tag der 
Flut, an einem siebten Tag wieder vollständig restituiert 
(Gen 8, 14). Noach, die Seinen und alles Getier können 
auf göttliches Geheiß hin die Arche verlassen (Gen 8, 15-17)."[ix]

Entscheidend ist nun, dass die Fluterzählung diese hochkomplexe Chronologie mit weitreichenden theologischen Aussagen verknüpft, welche über die Einbindung des Noach-Namens und weitere Vorkommen der Verbalwurzel nuch getroffen werden. nuch nämlich ist zentrales Wort in den Weisungen zum Schabbat (vgl. Ex 23, 12: Zur-Ruhe-Kommen (nuch) von Rind und Esel; Dtn 5, 14: Zur-Ruhe-Kommen (nuch) von Sklave und Sklavin) – im schöpfungstheologisch begründeten Schabbat-Gebot des Exodusdekalogs steht es sogar für das Zur-Ruhe-Kommen Gottes:

"Denn ein Tagsechst machte JHWH den Himmel und die Erde, 
das Meer und alles, was in ihnen ist, am siebenten Tag 
aber ruhte er (nuch), darum segnete JHWH den Tag 
der Feier, er hat ihn geheiligt" (Ex 20, 11 [Buber/Rosenzweig]).

Wenn Noachs „Überlebenskasten“, wie es in Gen 8, 4 heißt, an einem Schabbat „zur Ruhe kommt“, so lässt sich dies im Sinne einer Wiederherstellung der mit der Schöpfung gegebenen „heilenden“ Zeitordnung aus Arbeit und Ruhe begreifen (Gen 2, 1-3), die in der/ durch die Katastrophe zusammengebrochen ist. Der, der das Zur-Ruhe-Kommen in seinem Namen trägt, Noach, wird dabei zum „Ruhestifter zwischen Gott und Mensch“[x]. Von sich aus nämlich bringt Noach, der in der Regel nur auf Anweisung Gottes tätig wird (vgl. z. B. Gen 6, 22; 7, 5), Gott ein gleichsam verborgenes Schabbat-Opfer dar, dessen „beruhigender Duft“ (reach hanechoach, 8, 21)[xi] Gott zur Ruhe kommen lässt und zu einer „großartigen Zusage bewegt, die einer `Bekehrung` des Schöpfergottes gleichkommt“[xii] (8, 20-22).

Von sich aus auch – und damit komme ich auf die Predigtperikope zurück – schickt Noach (und zwar jeweils an einem Schabbat) den Raben und die Taube aus dem Kasten aus (8, 6f.8-12). Was aber ist der Sinn dieses Tuns, das ja, wie Benno Jacob nachdrücklich festhält, „das Verlassen der Arche nicht im mindesten [bestimmt]“[xiii]? Ich denke, es geht auch hier um die Wiederherstellung der von Gott geschaffenen Zeitstruktur und der damit verbundenen Verheißungen. Besonders deutlich wird dies in V. 9, wo einmal mehr nuch verwendet wird: „Die Taube fand keinen Ruheplatz für ihre Fußsohle (manoach lekaf raglah)“, heißt es dort. An dieser Stelle zeigt sich zugleich, dass es in der Fluterzählung nicht nur um eine immer schon überwundene urzeitliche Katastrophe geht, sondern auch um die Auseinandersetzung mit der Kriegskatastrophe von 587/86 v. Chr., die die Zerstörung Jerusalems und das babylonische Exil umfasst. Dtn 28, 65 zufolge nämlich werden die deportierten Kriegsgefangenen unter den Völkern „keinen Ruheplatz für ihre Fußsohle (manoach lekaf ragläka) haben“ (vgl. auch Klgl 1, 3). Umgekehrt sind die Israel als ideales politisches Gemeinwesen zeichnenden Erzählungen über die Zeit Davids und Salomos und die prophetischen Visionen eines neuen Exodus immer wieder mit der Zusage verbunden, dass Israel im Verheißenen Land – und dass nicht zuletzt die gesamte Schöpfung Ruhe finden wird (vgl. z. B. 2Sam 7, 1; 1Kön 5, 18; Jes 14, 1.3.7; Ez 37, 14).

Indem Noach die Taube liebevoll und geduldig wieder und wieder aussendet und wieder und wieder bei sich aufnimmt, wird er gleichsam zum idealen „Verheißungspfleger“. Noach nimmt den von Israel während der Wüstenwanderung allererst noch zu entdeckenden Schabbat (vgl. Ex 16) vorweg, der seinerseits als feierlich-gedenkende Vorwegnahme der Schöpfungsruhe als Ursprung und Ziel der Welt betrachtet werden kann. Und dies inmitten einer unheilen Welt – wie Noachs erzählte Welt von katastrophaler Zerstörung gezeichnet ist, so ist es auch die historische Welt des babylonischen Exils, in der der Schabbat zu einem wichtigen Erinnerungszeichen Israels wird.[xiv]

Ähnlich ist auch das Ölbaumblatt, das die Taube von ihrem zweiten Aus-Flug mitbringt (Gen 8, 11) – und auf das durch den nach 6, 12 zum ersten Mal wieder vorkommenden Aufmerksamkeitsmarker hine, „Da!“, „Siehe“, besonderes Gewicht fällt -, mehr als ein Hinweis darauf, dass die Erde allmählich abtrocknet und (Über-) Leben auf ihr neu möglich wird. Fruchtbare Olivenbäume nämlich kennzeichnen das Verheißene Land (vgl. z. B. Dtn 8, 8), während zerstörte bzw. nicht tragende Ölbäume auf Krieg und andere Gerichtserfahrungen verweisen (vgl. Dtn 28, 40; Am 4, 9). Wie Ölbaumzweige und Öl Fülle, Lebens- und Festfreude (vgl. z. B. Neh 8, 15, Ps 45, 8; 133, 2) bis hin zum messianischen Heil (vgl. Sach 4) symbolisieren können, so enthält das von der Taube gepflückte Ölbaumblatt in nuce die Möglichkeit der feiernden Vorwegnahme des göttlichen Schalom.[xv] Wenn zur Beschreibung des Blattes das von taraf, „(zer-)reißen, rauben“, abzuleitende Adjektiv taraf, „abgerissen, abgepflückt“[xvi] Verwendung findet, so zeigt dies gleichzeitig an, dass auch die erneuerte, Zukunft bergende Erde ein vielfältig bedrohter und gefährdeter Lebensraum ist.[xvii]

(K)ein Ruheplatz für ihre Fußsohle?!

Ich schreibe diese Predigtmeditation unter dem Eindruck einer Reise nach Bosnien – seit vielen Jahren schon besteht eine Partnerinnenschaft zwischen dem „Arbeitskreis Bosnien“ des Frauenwerks Lübeck-Lauenburg und dem bosnischen Frauennetz „Mreza zena Veliko srce u BiH“, das seinen Hauptsitz in der in Nordostbosnien gelegenen Stadt Gradacac hat. Erwachsen ist das Projekt aus der Begegnung mit Menschen, die während des Bosnienkriegs (1992-1995) als Kriegsflüchtlinge nach Norddeutschland kamen. An der telefonisch, brieflich, via Internet und durch regelmäßige gegenseitige Besuche aufrechterhaltenen und gestalteten Partnerinnenschaft sind Frauen beteiligt, die aus ganz unterschiedlichen kulturellen, sozialen und religiösen Hintergründen kommen – und die gemeinsam an der Förderung von sozialen Fähigkeiten, Eigeninitiative, ehrenamtlichem Engagement und Themen wie „Gewaltprävention“, „Versöhnung“ oder „ökologisches Bewusstsein“ arbeiten wollen.[xviii]

Bosnien ist ein vom Krieg gezeichnetes Land. Immer wieder sehe ich vom Krieg zerstörte Häuser, immer wieder fahren wir durch Gegenden, in denen Schilder die tödliche Gefährdung durch Landminen ausweisen – oft direkt neben der Straße. – „Die Taube fand keinen Ruheplatz für ihre Fußsohle.“

Bosnien ist ein geteiltes Land. Große Teile von Bosnien-Herzegowina gehören zur serbischen Entität, der sog. Republika Srpska, in der mehrheitlich Serben und Serbinnen leben. Viele Bosniaken und Bosniakinnen, die vor dem Krieg in diesen Gebieten wohnten und fliehen mussten, wagen es nicht, dorthin zurückzukehren, weil sie sich – als ethnische Minderheit – bedroht fühlen. Denjenigen, die zurückgekommen sind, verweigert man nicht selten die Rückgabe ihrer Häuser und ihres Grundbesitzes. – „Die Taube fand keinen Ruheplatz für ihre Fußsohle.“

Der Krieg hat sich den Menschen eingeschrieben. Viele, viele, so erzählen uns die Frauen in Gradacac, sind traumatisiert. Die Möglichkeiten, über die im Krieg erlittene Gewalt zu sprechen, sind sehr begrenzt. Frauen, die im Krieg vergewaltigt worden sind, wagen es oft nicht, darüber zu reden, weil sie befürchten, von ihren Männern zurückgewiesen oder sogar verstoßen zu werden. Männer fressen die erlittenen Verletzungen oft in sich hinein, werden alkoholkrank, aggressiv gegen sich selbst oder andere – eher nehmen sie sich das Leben, als davon zu erzählen, wie sie im Krieg gedemütigt und entwürdigt wurden, heißt es. – „Die Taube fand keinen Ruheplatz für ihre Fußsohle.“

Wir besuchen die Gedenkstätte in Potocari/Srebrenica. Über 8.000 bosnische Menschen, vorwiegend Jungen und Männer, sind bei dem Massaker im Jahr 1995 von serbischen Soldaten ermordet und in Massengräbern verscharrt worden. Ein riesiges Gräberfeld, endlos erscheinende Tafeln mit den Namen der Getöteten. Die Fabrikhalle, die damals Sitz der – nicht eingreifenden – Blauhelm-Soldaten war und die heute eine kleine Ausstellung beherbergt, in der persönliche Gegenstände einzelner Opfer und deren Lebensgeschichten gezeigt werden. Die Fabrikhalle, in der nur ein Bruchteil der bedrohten Zivilbevölkerung Aufnahme fand, während die Mehrheit ohne jeglichen Schutz blieb. – „Die Taube fand keinen Ruheplatz für ihre Fußsohle.“

Doch da ist noch etwas anderes. Ich bin tief berührt von den beiden Männern, die uns über das Gelände führen, die einen großen Teil ihrer Lebenskraft und -zeit in diesen Ort des Gedenkens hineingeben. Beide haben sie während des Massakers nächste Angehörige – Brüder und Vater – verloren, selbst nur durch Zufall überlebt. Gefragt, wie diese Arbeit auszuhalten sei, antwortet einer der beiden: „Am Anfang ging es kaum, jetzt hilft es mir.“

Auch die Gradacacer Frauengruppe beeindruckt mich. Einige der Frauen haben sich kleine ökologische Landwirtschaften aufgebaut, produzieren in einer Küche, die allen offen steht, Marmeladen und Eingemachtes, geben ihr Wissen in Workshops an andere Menschen weiter. Einmal im Jahr veranstalten sie eine Öko-Messe, auf der sie ihre Produkte und deren Herstellung der Öffentlichkeit vorstellen. Eine der Frauen, die die Flucht aus Bosnien mit ihren beiden Kindern nur knapp überlebt hat, geht regelmäßig an Schulen, wo sie mit Schülern und Schülerinnen Möglichkeiten gewaltfreier Kommunikation und Konfliktlösung erörtert und ausprobiert. Auch wenn sie, materiell und finanziell, kaum genug zum Leben hat. „Ich kann nicht anders, ich muss das tun!“, sagt sie. – „Und da – ein abgerissenes Ölbaumblatt war in ihrem Schnabel.“

Eine Predigt zum Namen Noach

Ich stelle mir eine Predigt zu Noach und seinem Namen vor. Zu Noach als Überlebendem, als von der Katastrophe Gezeichnetem, einer Katastrophe, die in der Erzählung nicht weniger als in heutiger Weltwirklichkeit nie nur vergangene, sondern immer auch gegenwärtige Katastrophe ist. Zu seinem Namen,[xix] der die Verheißung des Zur-Ruhe-Kommens der Schöpfung versprachlicht und aufrechterhält und der im Vorfeld der Fluterzählung, in Gen 5, 29, noch eine weitere Deutung erfährt. Dort nämlich wird er nicht mit nuch, sondern mit nacham, „trösten“, erklärt: „Dieser [Noach, R. P.] wird uns leidtrösten in unserm Tun und der Beschwernis unsrer Hände an dem Acker, den JHWH verflucht hat“ (Buber/Rosenzweig). Worin besteht der hier angesprochene Trost? In Zusammenschau von Gen 1, 29, 3, 18, 5, 29 und 9, 3 wird er nicht selten „in der Erweiterung der menschlichen Nahrungsquellen auf den animalischen Bereich“ gesehen, „die die Mühsal der Ackerarbeit (Gen 3, 18; 5, 29) verringerte, indem sie den Nahrungserwerb entlastete“.[xx] Dies mag ein Aspekt sein – die Erzählung selbst jedoch traut dem von Noach verkörperten Trost wesentlich mehr zu. Indem sie Noachs Tun immer wieder als „schabbatliches Tun“ kennzeichnet und es mit dem Zur-Ruhe-Kommen der Schöpfung und dem Zur-Ruhe-Kommen Gottes verbindet, wird Noachs „Leidtrösten“ transparent auf die göttliche Verheißung der Schöpfungsruhe. Nichts anderes liegt Noach vor Augen als Zerstörung und Chaos – doch immer wieder schickt er die Taube in die Freiheit, bis diese – endlich – ein Zeichen des Lebens, der Lebensfreude entdeckt, bis diese – endlich – einen Ruheplatz für ihre Fußsohle findet. Noach tut dies jeweils am Schabbat – in der Gewissheit oder jedenfalls im trotzigen Beharren darauf, dass dieser Tag den Shalom Gottes in jeder Gegenwart gedenkend vorwegnimmt und die Möglichkeit unverzweckten Lebens und der Lebensfreude festhält auch dort, wo solcher Lebensfreude alles zu widersprechen scheint.

Durch Noachs – jederzeit (traumatisch?) schweigendes – „beruhigendes“ Tun wird, so scheint es, auch Gott selbst angesichts seines „Leids“ getröstet. „Da leidete [nacham!] JHWH, daß er den Menschen gemacht hatte auf Erden, und er grämte sich in sein Herz“, heißt es am Anfang der Fluterzählung (6, 6 [Buber/Rosenzweig]; vgl. 6, 7). Was folgt, ist die Katastrophe, die außerhalb von Noachs „Überlebenskasten“ alle geschaffenen Raum- und Zeitstrukturen zerstört. Dass Gott schließlich doch noch einmal umdenkt, „umfühlt“ und verspricht, das Leben auf Erden zu bewahren und in stabilen zeitlichen Rhythmen zu (er-)halten (8, 20-22), ist allererst Noach zu verdanken, der gegen das Chaos auf der Möglichkeit der Ruhe für Schöpfer, Schöpfung und Geschöpfe besteht.

Dr. Ruth Poser
Stresemannstr. 31 35037 Marburg
ruth.poser@gmx.de


[i] Erich Zenger, Das Buch Genesis, in: ders. (Hg.), Stuttgarter Altes Testament. Einheitsübersetzung mit Kommentar und Lexikon, Stuttgart 32005, 15-32.76-98, 25.

[ii] AaO., 25.

[iii] Eine ganze Reihe verknüpfbarer literarischer Texte findet sich bei Jürgen Ebach, Noah. Die Geschichte eines Überlebenden (Biblische Gestalten 3), Leipzig 2001, 224-239.

[iv] Vgl. Roland Gradwohl, Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen, Bd. 4: Die alttestamentlichen Predigttexte des 6. Jahrgangs, Stuttgart 1989, 46f.

[v] Auf diese Angabe ist indirekt zu schließen, wenn es in V. 10 heißt: „Er wartete noch einmal sieben Tage“. Vgl. hierzu Benno Jacob, Das erste Buch der Tora: Genesis, New York 1974 [Berlin 1934], 219.

[vi] Vgl. Rüdiger Lux, Noach und das Geheimnis seines Namens. Ein Beitrag zur Theologie der Flutgeschichte, in: ders. (Hg.), „… und Friede auf Erden“. Beiträge zur Friedensverantwortung von Kirche und Israel, FS für Christoph Hinz (VIKJ 18), Berlin 1988, 109-135, 123.

[vii] Hierzu sowie zum Folgenden vgl. ausführlich Lux (Anm. 6), 127-131.

[viii] Claus Westermann, Genesis 1-11 (BK I/1), Neukirchen-Vluyn 1974, 604.

[ix] Lux (Anm. 6), 131.

[x] AaO., 116.

[xi] Auch dieses Adjektiv ist Derivat von nuch

[xii] Zenger (Anm. 1), 30.

[xiii] Vgl. Jacob (Anm. 5), 217.

[xiv] Vgl. Lux (Anm. 6), 134f.

[xv] Vgl. hierzu auch Martin Rose, 4. Sonntag nach Epiphanias – 28.1.1990, Gen 8, 1-12, in: GPM 44 (1989/90), 114-120, 117-120.

[xvi] Gelegentlich wird auch mit „frisch“ übersetzt, was aber auf eine „bequemere“ Lesart zurückzuführen ist.

[xvii] Zu diesem Aspekt der Predigtperikope passt m. E. das Gedicht „Bitte“ von Hilde Domin besonders gut, abgedruckt bei Ebach (Anm. 3), 232.

[xix] Zum Folgenden vgl. auch Ebach (Anm. 3), 24-47.

[xx] Lux (Anm. 6), 123.

Mk 13, 31-37: Letzter Sonntag des Kirchenjahres. Ewigkeitssonntag (24.11.2013)

Frank M. Lütze

„Daß aus der Menschen Munde sie, die

schönere Seele sich neuverkündet“

Die Toten und die Ewigkeit

Der letzte Sonntag im Kirchenjahr hat es nicht einfach. Von vorn wird er vom Advent bedrängt, der vor der Tür steht und in den Regalen schon längst präsent ist. Und von hinten drängen die Erinnerungen herein an die, die das zu Ende gehende Jahr aus unserer Mitte genommen hat.

Den Advent mag man mit einer gutgemeinten Advent-ist-im-Dezember-Aktion zumindest in den Kirchen erfolgreich um Aufschub bitten. Die Erinnerung an die Toten, die im kollektiven Gedächtnis fest mit dem letzten Sonntag im Kirchenjahr verbunden ist, wird hingegen die Gemeinde so leicht nicht loslassen. Die Aufforderung im Gottesdienstbuch, den Gedenktag der Entschlafenen bestenfalls als zusätzlichen Sondergottesdienst neben dem Ewigkeitssonntag zu feiern, um „die Texte des Ewigkeitssonntags im Sonntagsgottesdienst nicht [zu] verdrängen“,[i] mag daher zwar liturgisch korrekt scheinen, zeigt jedoch im Blick auf die homiletische Situation nur eine begrenzte Sensibilität. Es ist damit zu rechnen, dass Menschen mit ihrer Wehmut, mit ihrer Trauer, mit ihren Toten in Herz und Gedächtnis an diesem Sonntag in den Gottesdienst kommen – und das unabhängig vom liturgisch begangenen Proprium. Der Weckruf aus Mk 13, 31-37 ist unbedingt vor diesem Hintergrund zu lesen. Auf den ersten Blick passt der Abschied nur wenig zu der Aufforderung. Auf den zweiten Blick ergibt sich jedoch ein überraschender Sinn, der von dem üblichen Aufrufen zur Bewahrung des Glaubens markant abweicht.

Die Wachheit der Trauernden und die Sehnsucht nach Ruhe

„Seht euch vor, wachet! […] so wacht nun […] Was ich euch sage, das sage ich allen: Wachet!“ (V. 33.35.37). Drängender kann man den Appell kaum formulieren. Wer ist so verschlafen, dass er einen solchen dreifachen, mit einer Warnung verstärkten Weckruf nötig hat („… damit er euch nicht etwa schlafend finde“; V. 36)?

Trauernde jedenfalls haben eher das gegenteilige Problem: dass sie keine Ruhe finden, dass die Wehmut sie Tag und Nacht im Griff hat und sie um den Schlaf bringt. Ein hoch frequentiertes Motiv bei Traueranzeigen und in Grabreden ist der Wunsch nach Ruhe. Nun ist es nach einer schweren Krankheit oder einem belastenden Leben fraglos naheliegend, dem Verstorbenen Ruhe zu wünschen. Die Allgegenwart des Motivs – selbst jugendlichen Unfallopfern wird „Ruhe“ gewünscht, als wären sie alt und lebenssatt gestorben! – lässt aber vermuten, dass sich darin untergründig auch eine Sehnsucht der Trauernden spiegelt, denen der Tod ihrerseits keine Ruhe lässt. R. I. P., der nach meiner Beobachtung wieder häufiger auftretende alte Wunsch Requiescat in pace, nimmt bisweilen geradezu Züge einer Beschwörungsformel an: Der Tote möge ruhen – und uns in Frieden lassen. Die Wachheit der Trauernden ist eine Wachheit aus einer schwer zu akzeptierenden Vergangenheit heraus. Vergangenheit, die nicht vergehen darf, erfordert aber fortwährendes Wachhalten und Erinnern (insofern nimmt die säkulare Auskunft, der Verstorbene lebe in unserem Gedenken weiter, in fataler Weise die Angehörigen in die Pflicht!). Der Totensonntag mit seiner Integration des einzelnen Toten in die Gemeinschaft der uns Vorangegangen kann demgegenüber eine wichtige Passage auf dem Weg der Abschiedsbewältigung darstellen und seinen Teil dazu beitragen, dass Menschen Vergangenes loslassen und wieder zur Ruhe kommen können.

Eschatologische Wachheit

1) Der Text Mk 13, 32-37 bildet den appellativen Schlussteil einer großen apokalyptischen Vorschau (V. 31 ist Scharnier zum vorausgehenden Abschnitt), die durch ihre Stellung innerhalb des Evangeliums – es handelt sich um die letzte Rede Jesu vor der Passion – beinahe testamentarisches Gewicht bekommt. Diese Rede durchzieht eine eigentümliche Spannung von Enthüllung und Vagheit: Während die genau geschilderte Abfolge apokalyptischer Ereignisse (V. 6 ff.) suggeriert, dass das Ende berechenbar sei und noch einige Zeit ausstehe, warnt der abschließende Appell unüberhörbar vor einer allzu gelassen-abwartenden Haltung: Allen apokalyptischen Plänen zum Trotz weiß niemand (dreifach betont in V. 32.33.35), wann das Ende hereinbricht.

2) Der Appell wird mit einem Bild unterstrichen, das sich bei genauer Hinsicht als Kombination aus zwei Gleichnissen erweist:[ii] dem Motiv des anvertrauten Guts, das sich ausgeführt in Mt 25, 14-30 findet, sowie dem Motiv der Nachtwache, wie es auch Lk 12, 36ff. begegnet. Vorderhand handelt es sich hier wie da um eine Aufforderung zur Wachsamkeit mit einem ähnlichen Bild. Tatsächlich gibt es jedoch markante Unterschiede: Im ersten Fall steht ein Gut im Zentrum, das es zu bewahren gilt, im anderen Fall kommt es darauf an, den eschatologischen Kairos nicht zu verschlafen. Der Aufruf zur Wachsamkeit bekommt dabei eine je charakteristische Färbung: Die eine Wachsamkeit richtet sich nach hinten, schaut auf den Ursprung und müht sich, ihn durch alle Anfechtungen hindurch zu bewahren, weil der Herr eines Tages Rechenschaft fordern wird; die andere, nach vorne gerichtete Wachsamkeit sucht hingegen nach Anzeichen des Kommenden, wartet in der Nacht auf den neuen Morgen. Man könnte, unter Hintanstellung aller politischen Konnotationen der Begriffe, zugespitzt von einer im Wortsinne konservativen und einer prospektiven Wachsamkeit sprechen.

3) Die markinische Fassung der Apokalypse hält beides, das bewahrende wie das die Zukunft erwartende Moment, eng beieinander: Der apokalyptische Ausblick auf kommende Widrigkeiten soll das Durchhaltevermögen stärken („Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig!“, V. 13); der Schlussappell der Rede hingegen richtet den Blick nach vorne auf die unvermutet einbrechende Gegenwart Gottes. Angesichts der ausbleibenden Parusie ist es wenig verwunderlich, dass bald die konservative Fassung des Wachsamkeitsappells nach dem Muster „Halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!“ (Apk 3, 11) die Oberhand gewann; dass Wachsamkeit fortan primär hieß, die Ursprünge des Christentums treu zu bewahren oder, wo verschüttet, wieder frei zu legen. Das Amt jenes Wächters hingegen, der auf den Morgen wartet (und ihn von Zeit zu Zeit meint wahrzunehmen), blieb in der jüngeren Kirchengeschichte weitgehend den Sondergemeinschaften überlassen. Selbst die auf das eigene Leben gewendete, individualisierte Form einer Parusieerwartung („Wer weiß, wie nahe mir mein Ende!“) verlor durch den medizinischen Fortschritt in den letzten Jahrzehnten an Plausibilität: Ein Sterbenmüssen vor dem Altwerden ist statistisch so unwahrscheinlich wie nie zuvor.

4) Eine Neuauflage einer progressiven Wachsamkeit, die auf das – vielleicht – nahe Ende der Welt oder doch des eigenen Lebens hinweist, halte ich für ein hoffnungsloses und, angesichts der Todeserfahrungen, die den Hörern am letzten Sonntag im Kirchenjahr präsent sind, auch ziemlich pietätsloses Geschäft. Doch gibt es zugleich gute Gründe, in den kirchlichen Cantus firmus auf die konservative Wachsamkeit, auf die Bewahrung der Ursprünge, nicht vorbehaltlos einzustimmen. Dagegen spricht nicht nur die Tendenz, auf diesem Weg zu einer ängstlichen, sich nach außen abdichtenden Gemeinschaft zu werden, die keine innovativen Impulse mehr zu geben vermag und, mit einer Formulierung Jorge Bergoglios, zu einer „egozentrischen Kirche“ wird. Dagegen spricht auch das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden, dessen Pointe gerade nicht den ängstlichen Bewahrern recht gibt, sondern denen, die das anvertraute Gut riskieren und transformieren. Vor allem aber spricht gegen einen Aufruf zu einer bewahrenden Wachsamkeit am Ewigkeitssonntag die Erfahrung der Trauernden: Sie können ja gerade nicht halten, was sie hatten. Wachheit im Sinne eines Festhaltens von Gewesenem läuft in ihrer Situation vielmehr Gefahr, zu einer Totenwache zu erstarren, die vom Leben ausschließt.

5) Im Horizont einer präsentischen Eschatologie ergibt sich hingegen die Möglichkeit, eine auf Zukunft gerichtete Wachsamkeit wieder zu Ehren zu bringen. Wenn es nicht um das Ende aller Tage oder aller meiner Tage, sondern um den nie berechenbaren Kairos (V. 33!) geht, an dem Gottes Gegenwart im Leben unverhofft aufscheint, mir Raum vor den Füßen verschafft und inmitten der Wüste Wege bahnt: Für diese Zukunft lohnte es, wach zu bleiben! Und dieser Kairos könnte jederzeit sein, an jedem Tag könnte Gott Zukunft ansagen: „Heute, so ihr seine Stimme hört, so verstockt euer Herz nicht“ (so die grammatisch nicht korrekte, aber theologisch geniale unrevidierte Lutherübersetzung von Ps 95, 7f.). Das ist eine andere Form von Wachheit als die quälende Schlaflosigkeit, wo Menschen ein vergangenes Leben keine Ruhe lässt. Wachsein für eine mögliche Zukunft und die Fähigkeit, die Vergangenheit ruhen zu lassen, stehen vielmehr in einem engen wechselseitigen Verhältnis.

Ermutigung statt Weckruf

Wach sein als Bewahren und Hüten des Anvertrauten: In diesem Sinne ist, vor dem Hintergrund der schwindenden Naherwartung sowie apokalyptischer Bedrohungsszenarien, der jesuanische Wachsamkeitsappell im Christentum überwiegend verstanden worden. Diese Botschaft liefe freilich am Ewigkeitssonntag Gefahr, einer rückwärtsgewandten Haltung Vorschub zu leisten, die sich verändernden Lebensumständen hilflos gegenübersteht: einer Haltung, die Menschen nicht zur Ruhe kommen lässt und sie paralysiert für eine mögliche Zukunft. Wach sein für den Kairos, den Moment, an dem Gott unvermutet handelt, scheint demgegenüber eine Haltung, die signifikant dazu beitragen kann, eine belastende Vergangenheit in die Schranken zu weisen, zur Ruhe zu kommen und die Toten ihrer Ruhe zu überlassen.

Freilich: Das ist, so gesagt, nur hauchdünn getrennt von jenen Spruchweisheiten, die man in Poesiealben findet. Wie lässt sich also der Appell zur Wachsamkeit für Trauernde heilsam umsetzen, dass er nicht Ratschläge gibt und Trauernde für ihr Gelingen oder Scheitern verantwortlich macht, sondern Menschen Zugang schafft zur Gemeinschaft der Lebenden, wo es wieder eine offene Zukunft gibt und die Toten in Frieden ruhen dürfen? Es bedarf dafür in jedem Fall einer behutsamen Sprache, die eher Möglichkeiten imaginiert als Wirklichkeiten behauptet, die nicht befiehlt, sondern warmen Lebensatem über ein „kahl Gefild“ streichen lässt. Ich weiß für eine solche Sprache kein besseres Beispiel als Hölderlins „Ermunterung“.[iii] Das Gedicht braucht auf der Kanzel nicht zitiert zu werden; es ist dafür in seiner eigenwilligen, vom frühen 19. Jahrhundert geprägten Diktion auch kaum geeignet. Aber es ist eine glänzende Schule dafür, wie eine Ermunterung zur Wachsamkeit am Rand des Abgrunds sprachlich inszeniert werden kann, ohne Menschen zu überfordern. Und es formuliert am Ende in theologisch eindrücklicher Weise die Hoffnung, dass Gott „am schönen Tage“ wieder redet und Zukunft ansagt:

Echo des Himmels! heiliges Herz! warum,
 Warum verstummst du unter den Lebenden,
 Schläfst, freies! von den Götterlosen
 Ewig hinab in die Nacht verwiesen?

Wacht denn, wie vormals, nimmer des Aethers Licht,
 Und blüht die alte Mutter, die Erde nicht?
 Und übt der Geist nicht da und dort, nicht
 Lächelnd die Liebe das Recht noch immer?

Nur du nicht mehr! doch mahnen die Himmlischen,
 Und stillebildend weht, wie ein kahl Gefild,
 Der Othem der Natur dich an, der
 Alleserheiternde, seelenvolle.

Beim Jova! bald, bald singen die Haine nicht
 Des Lebens Lob allein, denn es ist die Zeit,
 Daß aus der Menschen Munde sie, die
 Schönere Seele sich neuverkündet,
[...]

Und unsre Tage wieder, wie Blumen, sind,
 Wo sie, des Himmels Sonne sich ausgetheilt
 Im stillen Wechsel sieht und wieder
 Froh in den Frohen das Licht sich findet,

Und er, der sprachlos waltet und unbekannt
 Zukünftiges bereitet, der Gott, der Geist,
 im Menschenwort, am schönen Tage,
 Kommenden Jahren, wie einst, sich ausspricht.

Prof. Dr. Frank M. Lütze
Moschelesstr. 8, 04109 Leipzig
frank.luetze@uni-leipzig.de


[i] EGb, 406.

[ii] Joachim Gnilka, Das Evangelium nach Markus, 2. Teilband: Mk 8, 27-16,20, Zürch/Einsiedeln/Köln/Neukirchen-Vluyn 1979, 208.

[iii] Zweite Fassung, zitiert nach: Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke und Briefe, Bd. I, hg. v. Michael Knaupp, Darmstadt 1998, 278f.

Lk 9, 10-17: 7. Sonntag nach Trinitatis (14.7.2013)

Jochen Cornelius-Bundschuh:

Zwölf Körbe voll!

Wie die Fülle unter uns Gestalt gewinnt

Familiengottesdienst zum Ferienbeginn. Die Kirche ist voll. Die, die hier versammelt sind, sind nicht „täglich einmütig beieinander“ (Apg 2, 46), wie die Apostelgeschichte es in der Epistel beschreibt, aber sie kommen gerne und feiern mit Freude. Sie erleben, dass Gott es gut mit ihnen meint.
Unterschiedliche Gruppen haben den Gottesdienst mit vorbereitet. In der Gemeinde engagieren sie sich füreinander und für andere. Sie geben Rechenschaft von der Hoffnung, die in ihnen ist (1 Petr 3, 15). Die Gemeinde ist ein wichtiger Treffpunkt für das Quartier. Viele werden in ihr satt: körperlich, geistig und geistlich. Kirche in Hülle und Fülle, Kirche vor Ort!
Eine ungewohnte Perspektive auf kirchliches Leben; normalerweise sind wir (mehr …)

Joh 21, 15-19: Misericordias Domini  (14.4.2013)

Annette Kurschus:

Behütete Nachfolge

Peinliche Frage

Diese nachösterliche Szene irritiert. Ehrlich gesagt berührt sie sogar ein wenig peinlich. Dreimal hören wir den Auferstandenen fragen. Dreimal dieselbe Frage. Wie kommt Jesus dazu?

Hast du mich lieber?, so fragen Kinder. Und wenn Erwachsene fragen: Hast du mich lieb?, dann kann das eher auf die Nerven gehen als zu Herzen. Wer als erwachsener Mensch diese Frage nach der Liebe immer wieder stellt, muss tief verunsichert sein. Einmal reicht nicht, stets aufs Neue will er die Liebe bestätigt wissen. Vielleicht, weil er schon bitter enttäuscht wurde, oft zurückgewiesen, schwer verletzt. Mag sein, dass er deshalb sogar vergleichend fragt, nach Konkurrenz schielend: Hast du mich lieber, als mich diese lieb haben?

Fragen dieser Art führen unwillkürlich in die Falle. Denn sie verhindern, wonach sie sich sehnen. Sie wecken kein Mehr an Zuneigung und Zuwendung. Im Gegenteil. (mehr …)

Joh 1, 29-34: 1. Sonntag nach Epiphanias (13.01.2013)

Ilse Junkermann:

Johannes, der Weihnachtsbote

Weihnachten ist vorbei. Die Weihnachtsdeko jedenfalls ist längst schon wieder aus den Schaufenstern und Geschäften und den öffentlichen Räumen verschwunden. In den Kirchen wechselt die liturgische Farbe an diesem Sonntag von weiß zu grün. In vielen von ihnen wurde in dieser Woche nach Epiphanias der Christbaum abgeschmückt und entsorgt und Krippe und Weihnachtsstern wurden wieder verstaut – bis zum nächsten Jahr.[i] So ist für die meisten Menschen die Weihnachtszeit wieder vorbei, das neue Jahr hat begonnen. Nach dem Fest ist der Alltag wieder eingekehrt und nach der süßen Erinnerung an das Kind in uns und an die eigene (hoffentlich auch mit schönen Erinnerungen gefüllte) Kinderzeit sind wir wieder ganz als Erwachsene gefragt. Was bleibt vom Fest? (mehr …)